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Gar nicht so einfach: Der Weg zu einem Text in Leichter Sprache

Leichte Sprache ist ein entscheidendes Mittel, um Inhalte allen Menschen zugänglich zu machen. Aber was bedeutet der Begriff eigentlich genau? Welche Kriterien spielen eine Rolle? Und wie schreibt man so einen Text? Ein Experiment.

Von Kathrin Legermann am 15. November 2021

Haben Sie schon einmal einen Text in Leichter Sprache gelesen? Sie begegnen uns zurzeit vor allem auf Internetseiten von Institutionen aus dem öffentlichen Bereich. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0 legt das so fest. Und liefert auch Antworten auf die Frage, was einen Text in Leichter Sprache ausmacht. Diese bleiben jedoch zum Teil sehr vage. Es sind kurze Sätze mit klarer Satzgliederung zu bilden, Tabellen übersichtlich zu gestalten. Aber wie kurz muss ein Satz sein, damit er als Leichte Sprache durchgeht? Und wann genau ist eine Tabelle übersichtlich genug? Tatsächlich gibt es keine einheitlichen Regeln für Leichte Sprache, weil der Begriff nicht geschützt ist.

Ich möchte besser verstehen, was einen Text in Leichter Sprache ausmacht – und setze mir zum Ziel, selbst einen zu schreiben. Dazu spreche ich erst einmal mit Thorsten Lotze und Osman Sakinmaz vom Netzwerk Leichte Sprache e. V. Der Verein setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 2006 dafür ein, Leichte Sprache stärker in gesellschaftliche Bereiche wie Bildung, Politik und Kultur einzubinden. Das Team hat ein Regelwerk zusammengestellt, an dem sich auch öffentliche Einrichtungen bei der Umsetzung der BITV 2.0 orientieren. „Trotzdem werden in Deutschland nicht überall die gleichen Standards verwendet“, berichtet Thorsten Lotze. „Die Uni Hildesheim hat einen eigenen Studiengang zur Leichten Sprache. Statt zusammengesetzte Wörter mit Bindestrichen zu trennen, nutzen sie dort zum Beispiel Punkte. Diese Uneinheitlichkeit ist schwierig. Deswegen erarbeitet das Deutsche Institut für Normen aktuell Empfehlungen für die deutsche Leichte Sprache. Da ist viel in Bewegung, aber es bleibt auch noch viel zu tun.“

Osman Sakinmaz hat Lernschwierigkeiten. Er ist wie Thorsten Lotze Vorstandsmitglied beim Netzwerk Leichte Sprache und in die Prüfung von Texten eingebunden. Wenn er im Austausch mit weiteren Prüfer:innen zu dem Schluss kommt, dass sie die Formulierungen nicht verstehen, erfüllen diese auch nicht die erforderlichen Kriterien. Er sieht nicht nur bei der Ausarbeitung von Regeln noch viel Handlungsbedarf, sondern auch bei der praktischen Umsetzung. Auf den Internetseiten öffentlicher Institutionen findet er nämlich häufig nicht die Inhalte selbst in Leichter Sprache, sondern Erklärungen zur Struktur der Seite. „Ich möchte lieber, was da in schwerer Sprache steht, auch in Leichter Sprache lesen. Wenn mich ein Thema interessiert, möchte ich auch genau dazu etwas wissen“, sagt er. Thorsten Lotze ergänzt: „Wenn wir Beiträge in Leichter Sprache schreiben, ist das aber eher eine Übertragung als eine Übersetzung. Wir ziehen aus dem Ursprungstext die Informationen heraus, die wichtig sind, um den Sinn wiederzugeben.“

Wie das in der Realität aussehen kann, zeigt die Website des Netzwerks: Sie ist komplett in Leichter Sprache geschrieben. Viele Unterschiede erkennt man auf den ersten Blick: Nebensätze sind kaum zu finden. Nach jedem Satz, manchmal auch mittendrin, erfolgt ein Umbruch. Zusammengesetzte Wörter sind durch Bindestriche getrennt. Auf die Frage, wie ihm das hilft, antwortet Osman Sakinmaz: „Ich brauche diese Texte, um mich informieren zu können. In Zeitungen kann ich nur die Überschriften lesen. Die Texte sind zu klein. Im Internet haben viele Seiten keine Infos in Leichter Sprache. Dann ärgere ich mich und gehe sofort wieder raus.“

Für mich ist das Motivation genug, selbst einen Versuch zu starten:

Diesen Absatz schreibe ich in Leichter Sprache.
Das ist gar nicht so einfach.
Das Netzwerk Leichte Sprache stellt Regeln für Leichte Sprache bereit.
Diese Regeln schaue ich mir an.
Trotzdem schreibe ich den Text vor.
Ich nutze dafür schwere Sprache.
Dann überarbeite ich jeden Satz.
Ich schreibe für jede Information einen Satz.
Ich schreibe möglichst kurze Sätze.
Ich tausche schwere Wörter aus.
Ich schreibe nur Aussage-Sätze.
Am Ende habe ich einen fertigen Text.
Ich habe für den Text 45 Minuten gebraucht.
Am Anfang habe ich den Text in schwerer Sprache geschrieben.

Was sagt Osman Sakinmaz dazu? Das Urteil fällt ziemlich vernichtend aus. Viele Wörter sind zu schwer oder zu mehrdeutig. Das Wort „stellen“ in der dritten Zeile nimmt er zum Beispiel sehr wörtlich und denkt daran, dass ein Gegenstand hingestellt wird. Bei dem Ausdruck „ich schreibe vor“ denkt er in räumlichen Dimensionen und fragt: „Vor was denn?“ Manche Informationen sind sogar komplett überflüssig, weil sie nicht wichtig sind, um den Sinn des Textes zu verstehen. Osman Sakinmaz nennt auch Aspekte, an die ich noch gar nicht gedacht habe: Ein größerer Zeilenabstand und eine Schriftgröße von mindestens 14 Punkt würden ihm helfen, die Informationen besser verarbeiten zu können. Gemeinsam gehen wir Satz für Satz durch und überlegen, wie eine verständlichere Formulierung lauten würde. Das Ergebnis:

Das Netzwerk Leichte Sprache hat die Regeln für Leichte Sprache aufgeschrieben.

Das möchte ich ausprobieren.

Ich möchte diesen Text in Leichter Sprache schreiben.

Ich schreibe für jede Info einen Satz.

Ich schreibe viele kurze Sätze.

Ich lasse schwere Wörter weg.

Am Ende habe ich einen fertigen Text.

Ich habe den Text aufgeschrieben.

Das hat 45 Minuten gedauert.

In schwerer Sprache habe ich nur 5 Minuten an dem Text geschrieben.

Nur ein Satz ist komplett unverändert geblieben. Immerhin! Offensichtlich braucht es viel Erfahrung, um gute Texte in Leichter Sprache zu schreiben. Die Bedeutung hat Osman Sakinmaz klar herausgestellt. Doch Thorsten Lotze betont auch, dass diese Texte nicht für alle Menschen und alle Inhalte sinnvoll sind: „Man wird nie alles in Leichte Sprache übertragen können. Gerade, wenn es zum Beispiel um juristische Themen geht, ist das sehr schwer. Texte dazu in Leichter Sprache wären entweder sehr lang oder man müsste viele Informationen weglassen.“ Trotzdem wünscht er sich für die Zukunft, „dass Menschen mit Lernschwierigkeiten viel öfter von Anfang an in die Gestaltung von Internetseiten eingebunden werden. Dann kommt am Ende ein ganz anderes, inklusiveres Produkt dabei heraus.“  

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